Inklusion - zu Lasten aller Beteiligten?
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| (Illustration: Gerd Altmann/pixabay) |
Für die, welche die Inklusionsmodelle noch nicht kennen, hier eine kurze Erklärung. Bei der Inklusion an den Regelschulen unterscheidet man die zieldifferente und die zielgleiche Gestalt. Zieldifferent meint, dass die Kinder von vornherein nicht auf den üblichen Abschluss einer Schulform hinarbeiten, im Gegensatz zu ihren Mitschülern, sondern auch mit einem niedrigeren - in der Praxis auch ohne - Abschluss die Schule verlassen können. Das heißt, es spielt keine Rolle, ob das Formalziel einer Schulform, z.B. das Abitur oder die Fachoberschulreife, überhaupt zu erreichen ist. Hierbei stehen geistige, emotionale und soziale Beeinträchtigungen im Mittelpunkt.
Hingegen die zielgleiche Inklusion dient Kindern, deren Handicap nicht dem Bildungsabschluss im Wege steht. In der Regel geht es hierbei um Fragen der Barrierefreiheit, also äußere Bedingungen, wie Schulgebäude und Unterricht gestaltet sind. Und oft genug scheitert es zum Ärger aller doch daran.
Wir haben es also mit zwei ihrem Wesen nach völlig unterschiedlichen Inklusionsmodellen zu tun. Der Streit zwischen Experten, Praktikern und Politikern bezieht sich primär auf die zieldifferente Inklusion.
Des einen Chance - des anderen Risiko?
Insbesondere im Interesse der Sozialisation in eine Schulgemeinschaft hat die zieldifferente Inklusion viele Fürsprecher. Es liegt auf der Hand, dass die Förderschule als zugewiesener Sonderbereich - deshalb früher der diskriminierende Begriff Sonderschule - den Anschluss an den schulischen Regelbetrieb nicht leisten kann. Allerdings ist das Schutzbedürfnis etwa von Kindern mit schwerwiegenden seelisch-geistigen Handicaps vor weiteren Traumata möglicher Weise höher zu bewerten. In der Förderschule gehen spezifisch ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen genau auf die Bedürfnisse ihrer Schützlinge ein, die bei Lehrern anderer Schulformen zu Achselzucken und hilflosen Blicken führen. Förderschullehrer brauchen für ihre Praxis heilpädagogische, therapeutische Expertise. Außerdem sind ihre persönlichen Fähigkeiten zusätzlich gefordert.
Die Abwägung scheint an vielen Schulen jedenfalls zu Gunsten des Schutzbedürfnisses erfolgt zu sein. Denn viele Gymnasien, aber auch andere Schulen, haben sich selbstbestimmt von der zieldifferenten Inklusion verabschiedet. Das mag man mit gemischten Gefühlen sehen. Faktisch ist die zieldifferente Inklusionsform, insbesondere an Gymnasien, damit gescheitert. Und das trotz vieler Anstrengungen von Lehrer- und Schülergemeinschaften.
Dabei darf man jedoch nicht außer Acht lassen, dass solche Anstrengungen zugleich enorme Ressourcen sowohl beim Personal, als auch bei den Schülern verbrauchen. Und das geht zweifellos zu Lasten der Förderung von Regelschülern, die dann nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit ihres Lehrers im Unterricht erhalten. Man ist ständig hin- und hergerissen zwischen den eigentlichen Unterrichtszielen und dem Ziel, das so genannte "Inklusionskind" dazu zu bewegen, sich ruhig zu verhalten, sich anzupassen, die anderen Kinder in Ruhe zu lassen, die Tische dort stehen zu lassen, wo sie sind, keine spitzen Gegenstände durch den Raum zu werfen, sich nicht selbst zu verletzen, und so weiter, und so fort. Jede Minute, die man sich diesem Aktionsfeld widmet, verlieren die anderen Schüler.
"Arbeitserfolgsvernichtungsmaschine"
Ein nicht auflösbarer Widerspruch entsteht im Kopf: Auf der einen Seite schafft man es nicht, einem Schüler oder einer Schülerin mit einem solchen Handicap gerecht zu werden, andererseits gefährdet man mit allen Bemühungen die Lernziele der anderen Kinder. Wenn man die Auffassung vertritt, dass es nicht reicht, betroffene Kinder mit besonderem Lernmaterial zu versorgen, in einer Art Beschäftigungstherapie, sondern sie aktiv ins Lerngeschehen mit einbeziehen will, stößt man folglich schnell an die Grenze des Machbaren. Dann muss man im Interesse der Klasse einsehen, wenn es nicht funktioniert. Und dann bekommt das Kind doch wieder das sonderpädagogische Material und sitzt allein an seinem Tisch, wo es - je nach Störungsbild - partout nicht sitzen bleiben will.
Deshalb ist das soziale und Arbeitsklima während des Unterrichts häufig angespannt, was die Konzentration aller Schüler - und ebenso des Lehrers - in höchstem Maße stört. Ein Teufelskreis, denn natürlich ist ein solches Klima wiederum nicht geeignet, ein Kind außer Rand und Band zu besänftigen. Im Gegenteil führt es dazu, dass es sich weiter hineinsteigert. Wenn man es zudem mit Zwangshandlungen, Neurosen, sogar Psychosen zu tun hat, hilft die übliche Lehrerpraxis nicht weiter.
Dann sind die oben genannten fachspezifischen Fähigkeiten von Sonderpädagogen von Nöten. Insofern ist die Tatsache, dass sich so viele Schulen von der zieldifferenten Inklusion inzwischen wieder getrennt haben, sicher auch ein Beleg der Hilflosigkeit. Da war vor der Einführung des Modells sicher vieles nicht zu Ende gedacht worden. Umso tragischer, als man es schließlich mit Menschen zu tun hat, bei denen solche Fehlentscheidungen zu Traumata führen können. Und Kinder als Versuchskaninchen für abgehobene pädagogische Konzepte zu missbrauchen, zeugt erstens von einer gewissen Weltfremdheit und zweitens von fehlender Empathie.
Verheerende Folgen für die betroffenen Kinder
Denn betroffene Kinder erfahren auf verschiedene Weise das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Einerseits erfahren sie in ihrem Schulalltag, dass sie eine besondere Behandlung benötigen. Immer wieder werden sie aus ihren Klassen für sonderpädagogische Unterrichtseinheiten abgezogen. Dadurch werden sie zwischen zwei Unterrichtswelten und außerdem zwei Sozialverbänden hin- und hergerissen. Es bleibt zudem nicht aus, dass Verhaltensauffälligkeiten von ihren Mitschülern im Regelunterricht gehässig oder genervt - oder beides - kommentiert werden. Dann hilft es auch nicht mehr, den Klassenkasper zu geben. Die Gruppendynamik in den Klassen wurde offenbar beim Inklusionsvorhaben völlig unterschätzt. Zwar habe ich bisher auch sehr verständnisvolle Klassen erlebt, aber dann handelt es sich in allen Fällen um sehr in sich gekehrte Kinder mit Beeinträchtigungen, die nicht nach außen gerichtet sind. Diese können aber von der Offenheit und Toleranz des Klassenverbandes nicht profitieren, da sie soziale Beziehungen von vornherein vermeiden.
Andererseits bekommen sie durch die Entscheidung der Schule, nicht länger an ihrer Inklusion festzuhalten, nüchtern-bürokratisch mitgeteilt, dass sie eigentlich und sowieso nicht an diese Schule gehörten, und dass es nur ein Experiment war, das nun eben gescheitert sei. Ein ziemlich schlechtes Ergebnis pädagogischer Bemühungen, wenn Kinder, deren psychische Widerstandskraft ohnehin geschädigt ist, mit einem zusätzlichen Trauma ausgestattet, die Schule wieder verlassen. Die Kollegen an den Förderschulen sind nicht darum zu beneiden, diesen angerichteten Schaden einigermaßen zu kompensieren, sollte dies überhaupt möglich sein.
Rolle der Eltern
Dass überhaupt relativ viele Kinder auf einer Schule gelandet sind, wo sie die beschriebenen Schwierigkeiten erwarten können, ist der Aufhebung der verbindlichen Grundschulempfehlung zu verdanken. So überließ man es den Eltern, ihr Kind auch gegen die pädagogische Empfehlung der Grundschule auf einem Schultyp einzuschulen. Nun mag es zwar viele Lehrerinnen und Lehrer unter den Eltern geben, doch in der Regel haben Eltern eher keine schulpädagogischen Fähigkeiten. In der Folge kommen Eltern zu gravierenden Fehlurteilen. In einem Fall meldeten sie ihren Sohn, obwohl stark geistig behindert, dennoch an einem Gymnasium an. Die Schule konnte zu jener Zeit nichts gegen diese Fehlentscheidung machen. Inzwischen hat auch sie sich von der zieldifferenten Inklusion getrennt.
Der Zweck heiligt nicht immer die Mittel
Abseits von den Idealen, die zum Modell der zieldifferenten Inklusion geführt haben, lässt sich nicht leugnen, dass es zu Lasten der Beteiligten geht. Man mag vieles wünschen. Allein - nicht immer lassen sich diese Wünsche erfüllen. So klaffen Inklusionswunsch und -wirklichkeit zu weit auseinander, als dass die Chancen der Kinder deren Risiken, die das Modell zusätzlich verursachen kann, überwiegen könnten.
